Sudetendeutsche Hütten

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 Clarahütte

2038 m

     Sektion Prag


"Ich bin nun hier in der angenehmen Lage, mitteilen zu können, daß unsere zweinächtige Marter in jener Hütte die gute Folge hatte, daß schon in der nächsten Reisesaison hier eine comfortable Vereinshütte sich befinden wird."


Eduard Richter, Alpengeograph schrieb diese Zeilen 1872 in der AV-Zeitschrift, nachdem er mit Johann Stüdl und zwei Führern im August 1871 in der kleinen Hütte oberhalb der später erbauten Clarahütte verbrachte.
Die Clarahütte war Stüdl's Idee.

Er hatte den Bauplatz bei der alten Schäferhütte gewählt, den Plan gezeichnet und die Bauausführung Balthasar Ploner, Schmied in Prägraten, übertragen. Der erstellte die Hütte 1872 von Juli bis August in nur 6 Wochen Bauzeit.

Die entstandenen Baukosten von 300 Gulden österreichischer Währung (Fl.ö.W.), was damals einem Betrag von 1.765 Mark entsprach, wurden von Herrn Prokop von Ratzenbeck (Kaufmann aus Prag) gedeckt, zu Ehren dessen Frau sie den Namen "Clarahütte" erhielt.

Es ist überliefert, dass Stüdl auf der Hochzeitreise mit seiner jungen Frau Hermine im September 1872 die Clarahütte aufsuchte, und er fand alles bestens hergerichtet.
  oben die alte Schäferhütte
 Über der Hütte im Hintergrund die alte Schäferhütte
Foto: T. Most

Bauplan
Archiv: E.Wendler

Grundbuch

Im Hüttengrundbuch in Wien von 1882 wurde ordnungsgemäß eingetragen:

1. Die Clarahütte ist über Anregung des Herrn Johann Stüdl und durch die Hochherzigkeit des Herrn Prokop Edler von Ratzenbeck und seiner Frau Clara von Ratzenbeck im Jahre 1872 erbaut worden. Der Grund und Boden gehört der Gemeinde Schlaiten.

2. Die Hütte besteht aus einem einzigen Raum 18' Breite, 13' Tiefe im Lichten, mit einem Pultdache versehen. Höhe 7' zu 12'. Der ganzen Breite nach befindet sich eine Pritsche mit Bank. Rechts beim Eintreten sieht man einen eisernen Kochherd mit Bänken an 3 Seiten, Dann einen Kasten für die Gerätschaften. Links ein Tisch mit Bänken herum. Die Lage dürfte 2200 m sein.


Unter Punkt 8 ist bereits festgehalten: 8. Der bisherige Besitzer beabsichtigt bei Lebzeiten noch die Hütte der Section Prag zu schenken. Weiter wird erwähnt, dass die Anzahl der Besucher von 1872 bis 1881 zwischen 10 und 58 Touristen jährlich betrug.

Mit einer Erklärung wird vollzogen, was bereits im Grundbuch erwähnt wird:
Clara von Ratzenbeck, Schenkungsvertrag an die Section Prag vom 10. Juli 1895
Mein verewigter Ehegatte Herr Prokop Edler von Ratzenbeck, Großhändler in Prag hat im Jahr 1872 im obersten Umbalthal auf einem der Gemeinde Schlaiten bei Lienz gehörigen Grunde eine alpine Schutzhütte für mich, Clara Edle von Ratzenbeck erbaut, diese Hütte mit dem Namen Clarahütte bezeichnet und dieselbe samt der Einrichtung in mein Eigentum übergeben.

Die Hütte wurde seither von der Section Prag des Deutschen und Österreich. Alpenvereins verwaltet und mit den erforderlichen Nachschaffungen der Einrichtung und des Inventars versehen.

Ich, Clara Edle von Ratzenbeck, Großhändlers-Witwe in Weinberge bei Prag, erkläre hiermit, daß ich diese mir gehörige Clarahütte samt allem Zubehör, welches in dem als Bestandteil dieser Urkunde besonders aufgenommen und von mir eigenhändig unterfertigten Inventare verzeichnet ist, ferner mit allen Rechten, welche ich als Eigentümerin dieser Hütte bezüglich des Grundstückes, auf welchem dieselbe erbaut ist bereits erworben habe, der Section Prag des Deutschen und Östrreichischen Alpenvereins in deren Eigenthum unentgeldlich abtrete und durch Übergabe dieser Urkunde und des von mir unterfertigten Inventars auch in deren Besitz übergeben habe.


Auch die erwähnte Inventarliste ist erhalten, peinlich ist hier aufgelistet, was in dem kleinen Hüttchen enthalten ist.
Als Tourist sollte man vorbereitet sein, so gibt es zwar 20 Matratzen, aber nur 4 Touristendecken und 2 Führerdecken. Neben 8 Caffetassen, 5 Messer mit Metallgriff und 5 Messer mit Holzgriff gibt es 5 Gabeln mit Metallgriff und 4 Gabeln mit Holzgriff. Für die Küche werden u.a. 2 irdene Schüsseln, 1 irdener Krug, 7 Topfdeckel und 6 eiserne Töpfe, 1 Schöpfsieb und 2 Trichter aufgezählt. Aber auch 1 Holzhacke, 1 Ofenschaufel, 1 Ofenhaken, 1 Rauchfangbürste und 1 Kehrbesen sind vorhanden.

Innenansicht
Innenansicht: Brotzeiteck                                       Foto: T. Most


Den Zustand der Hütte nach dem ersten Weltkrieg gibt dieser Auszug wider aus dem Protokoll der Sektion Prag aus dem Jahre 1919, anläßlich des 50 jährigen Sektionsjubiläums:

Schild alt
 


Die Schenkung, zwar großzügig gedacht, bringt aber die Sektion in arge finanzielle Schwierigkeiten. Notwendig gewordene Erweiterungen der Hütte, ständige Ausbesserungen durch Lawinen hervorgerufener Schäden und der Ausbau des Wegenetzes belasten die Kasse. So liegt ein Antrag aus dem Jahre 1899 der Sektion an den Zentralverband vor, in dem dargelegt wird, dass die Sektion Prag bei ihrem ausgedehnten Arbeitsgebiet und Hüttenbesitz nicht im Stande ist die angefallenen Kosten zu bestreiten und beantragt eine Summe von 800 Mark für Wegreparatur und Sonstiges sowie 1200 Mark für Anbau an die Clarahütte und bauliche Verbesserungen derselben.

 
Protokoll 
......dagegen erlitt die Klara - Hütte im Umbaltal das gleiche Schicksal wie im J. 1918, indem sie abermals von einer Lawine verschüttet und sehr beschädigt wurde, so daß sie kaum mehr als Unterkunft in Betracht kommen wird. Über das Führerwesen, ebenso über die von der Sektion zu erhaltenden Weganlagen ist diesmal nichts Beonderes zu berichten.



Hütte 1890
Hütte im Jahre 1890
(Farbige Reproduktion eines Bildes im Alpenvereinsmuseum
des ÖAV in Innsbruck)


Bedingt duch den übrigen großen Hüttenbesitz und den damit verbundenen Aufwendungen sah sich die Sektion nicht mehr imstande die Hütte weiter zu betreuen, und bot sie mit einem Schreiben vom 9. September 1921 der Sektion Barmen an.

Es wurde nicht verheimlicht, in welchem Zustand sich die Hütte befand: " ...Die Clarahütte ist bekanntlich alljährlich durch Lawinen verschüttet worden und erforderte nach der Ausaperung stets gründlicher Reparaturen. Da diese in den Kriegsjahren nicht durchgeführt werden konnten, geriet die Hütte in Verfall."

Die Sektion Essen aus der "Vereinigung der Sektionen im rheinisch - westfälischen Industriegebiet" übernahm schließlich die Hütte.
Ruine
Ruine der Clarahütte im Jahre 1925.
Im Hintergrund links die alte Schäferhütte




Im Vergleich der beiden Bilder oben und dem nebenstehenden kann man den Verfall der Hütte gut erkennen.


Am 1. Juni / 1. Juli 1925 wurde zwischen der Sektion Essen einerseits und der Gemeinde Schlaiten und den Alpinteressenten des Umbaltales der Gemeinde Prägraten ein Vertrag geschlossen, der als wesentlichsten Bestandteil die kostenlose Überlassung eines genügend großen Hüttenbauplatzes auf dem Goiwandl beinhaltete.
Danach wurde im Sommer 1925 mit den Bauarbeiten begonnen, die die liebe alte Clarahütte im genau gleichen Gewande, das ihr Erbauer im Jahre 1872 gegeben hat (mit dem Anbau von 1898), zu neuem Leben erwecken sollte.
Die Hütte hatte wie früher eine Küche, gleichzeitig Gastraum, und einen Schlafraum, ausgestattet mit 6 Matratzen- und 6 Strohsacklagern.

 Einweihung
Am 7. August 1872 wurde die Hütte feierlich
eingeweiht und dem Bergsteigerverkehr übergeben
Archiv: E.Wendler


Für Notlager war Platz auf einem bergseitig eingezogenen Zwischenboden. Vor dem Eingang zur Küche wurde ein Vorraum als Windfang neu geschaffen. Der Bewirtschafter war in einem niedrigen Raum im Unterdach über der Küche nicht gerade vorbildlich untergebracht. Die Hütte erhielt wieder ein Pultdach und lehnte sich wie frühere mit der Rückseite an einen
Wegweiser
Lawinenschutzwall. Außen angebaut wurden auf der Küchenseite ein kleiner Vorratsraum und neben dem Schlafraum ein Abort. Der Wiederaufbau der Clarahütte als bescheidene Bergsteigerunterkunft entsprach einem dringenden Bedürfnis. Die selten großartige Umrahmung des Umbal- und Welitzkeeses, darunter viele Dreitausender, war durch den Verfall der einzigen Unterkunft weit und breit gänzlich vereinsamt. Die herrlichen Eis- und Felsgipfel waren aus dem Umbaltal für jeden unersteigbar.

Wegen der Höhenlage der Clarahütte mit nur 2038m sind die Anstiegszeiten zu den bis zu 3500m aufragenden Gipfeln der Umgebung sehr lang. Rötspitze 3495, Dreiherrn Spitze 3499m, Westl. Simony Spitze 3488m, Daberspitze 3401m. Was den Standort anbelangt haben Stüdl und Richter ihn wohl gewählt, weil sie erkannt haben, dass es der einzige, einigermaßen sichere Platz in dem überall lawinengefährdeten oberen Umbaltal war. Erfahrungen, die später die Sektion Essen machte, bestätigen dies. Wegen der steilen Hanglage hinter der Hütte können sich nur kleine Schneemassen ansammeln, die daraus enstehenden kleineren Lawinen werden von dem Schutzwall hinter der Hütte über das Pultdach geleitet, sodass sie kaum Schaden anrichten. Größere Gefahr droht der Hütte von einer Lawine, die von der hohen Achsel herunterkommt, kurz oberhalb der Hütte den Bach überquert und dann gegen die Hütte einschwenkt, Eine solche Lawine wird es auch gewesen sein, die 1914 und 1920 das Hüttendach beschädigt hat.

Die Lawinenreste wurden früher von der Hüttenwirtin als Kühlschrank für die Aufbewahrung von Fleisch benutzt, bis ein Fuchs dies auskundschaftete und sich über das Fleisch hermachte.
Die Clarahütte wurde von der Wiedereröffnung im Jahre 1926 bis zum Kriegsbeginn 1939 in jedem Sommer bewirtschaftet.



von Westen
           Kleinere Lawinen werden von dem Schutz-wall hinter der Hütte über das Pult-dach geleitet                                       Foto: T. Most

Mit Beginn des 2. Weltkrieges und der kurz vorher erfolgten Einweihung der "Philipp- Reuter- Hütte" wurde die Clarahütte ab 1940 über 18 Sommer nicht mehr bewirtschaftet, weil der Betrieb von zwei Hütten im Tal während der besucherschwachen Kriegs- und Nachkriegszeit nicht zu vertreten war. Sie diente in diesen Jahren nur als Hirtenunterkunft.
1958 nach der zweiten Lawinenkatastrophe im oberen Umbaltal gewann die liebe, alte Tanta Clara wieder die Gunst des Sektionsvorstandes und der Bergsteiger. Zwar wird sie nie die Berühmtheit ihrer großen Schwestern erlangen ("Neue Essener Hütte" 1936/1937 durch Lawinen zerstört und "Neue Essener Hütte später Philipp- Reuter- Hütte" 1957/1958

Schild neu              Neueres Hüttenschild       Foto: T. Most

durch Lawinen zerstört), aber geduckt an den Berghang geschmiegt, ist sie die einzigste, die im Umbaltal nun schon 125 Jahre (Stand 1999) überdauerte. Vor der Wiederinbetriebnahme mußten Dach und Wände einer gründlichen Renovierung unterzogen werden und das Inventar wurde größtenteils durch Gegenstände, die aus der Ruine der "Philipp- Reuter- Hütte" stammten ergänzt. Der alte gemauerte Herd wurde durch einen moderneren ersetzt. Mittels einer langen Schlauchleitung wurde einwandfreies Wasser von einer oberhalb der Hütte austretenden Quelle herangeführt und eine Zapfstelle in der Küche eingerichtet.

Ab 1969 wurde an- und umgebaut, obwohl durch den Bau der dritten Essener Hütte drüben im Maurertal die Mittel knapp waren. Die ständig größer werdene Zahl der Touristen, leider meist nur Tagesgäste, welche die Hütte täglich besuchten und bei schlechtem Wetter nicht untergebracht werden konnten, forderten eine neue Hüttenkonzeption. Ferner konnte dem Druck der Behörden auf Verbesserung der Küche und der sanitären Anlagen nicht länger ausgewichen werden, und auch dem Bewirtschafter konnte die primitive Unterkunft, in der er hauste, nicht länger zugemutet werden.


mit Berg                                   Von Osten                   Foto: T. Most

Ein taleinwärts errichteter Zubau enthält eine gut eingerichtete Küche mit neuem Herd und einer Sitzecke. Deshalb steht jetzt der bisher als Küche und Gastzimmer benutzte Raum ganz den Gästen zur Verfügung. Er hat größere Fenster erhalten und ist mit neuem Mobiliar ausgestattet.

Neben der Küche befindet sich ein gut eingerichteter Schlafraum mit 4 Betten für den Bewirtschafter. Neuzeitliche Waschräume und Toiletten sind eingerichtet. Der bisher außen angebaute Vorratsraum musste abgerissen werden. Ein Ersatz dafür befindet sich im rückwertigen Teil der Hütte gegen den Lawinenschutzwall. Er ist im Gegensatz zu früher direkt von der Küche aus zugänglich. Über der Küche und dem Wirtsschlafraum ist im Unterdach ein


beklemmend niedriger Personalschlafraum eingerichtet worden, der über eine ausziehbare Treppe zu erreichen ist. Am 22. Juli 1972 fand zusammen mit der Feier aus Anlass des 100- jährigen Bestehens der Clarahütte die Einweihung des Zubaues, verbunden mit einer feierlichen Feldmesse statt.
In den Jahren 1972 bis 1974 wurde weiter gebaut. Die Dachkonstruktion über dem alten Hüttenteil wurde erneuert, die hangseitige , morsche Bruchsteinmauer abgetragen und durch eine Betonwand ersetzt, die gleichzeitig 2 m weiter bergseitig angeordnet wurde, wodurch Gast- und Schlafraum noch vergrößert werden konnten.
Die Clarahütte kann im Winter nicht bewirtschaftet werden, da sie meist unter einer meterdicken Schneeschicht liegt. Die Eingangstür ist aber mit einem AV- Schloss versehen, sodass Tourengeher, so sie die Hütte finden, durchaus in der als Winterraum hergerichteten Gaststube übernachten können.
Auch in den folgenden Jahren wurde gebaut: angefangen von einem simplen Schuhregal über die Verkleidung der Holzdecken sowie die Verlegung von Boden- und Wandfliesen im Flur und in den Sanitärräumen,


Erneuerung der Sanitärinstallation und Einbau einer Dusche mit Gasdurchlauferhitzer, Verschindelung der Außenwände des Anbaues, weil der Zementputz auf dem Ytonmauerwerk rissig wurde. Isolierung des bergseitigen Betondaches, um das Schwitzwasserproblem in den Griff zu bekommen und letztendlich die Beseitigung der im Frühjahr 1985 verursachten Lawinenschäden, was 1991 mit dem Einbau einer kompletten Kücheneinrichtung aus Edelstahl seinen Abschluss fand.
Für den Bau der Hütte wurden 1876 von Schlaiten die nötigen 110 m² erworben, da jedoch durch die Erweiterungen fremder Grund bebaut wurde, mussten 995m² dazugekauft werden, außerdem für ein geplantes E-Werk 143m² am rechten Iselufer.
Bedingt durch behördliche Auflagen musste die Trinkwasserfassung erneuert werden, ein Bunker für die Aufbewahrung der Gasflaschen wurde gebaut, sowie ein besserer Personalschlafraum und ein separater Sanitätärraum für den Pächter und das Personal.
Bis 1984 wurden für den Materialtransport Träger und Tragtierkolonnen eingesetzt, jetzt wird fast alles mit Hubschrauber angeflogen.

 

Nachtrag 2015:
Dieser Beitrag entstand 2008 nach meinem Besuch der Clarahütte.
Von 2013 bis 2015 wurde bergwärts ein großer Anbau mit  22 Zimmerbetten und 8 Lagerbetten fertiggestellt.

Ich bedanke mich beim Hüttenwart Norbert Brauksiepe der mir die Verwendung der Festschrift
"125 Jahre Clarahütte im Umbaltal Sektion Essen des Deutschen Alpenvereins e.V."
zur Ausarbeitung dieses Beitrages genehmigte.

Die Clarahütte in den Hohen Tauern sollte eigentlich gar nicht da sein.
Dominik Prantl, der sich von überfüllten Bergen persönlich beleidigt fühlt, war auf der Clara,
seinen Bericht in der "Süddeutschen" sollten Sie unbedingt lesen: Durchboxen

 

 

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